Als wahrer Publikumsmagnet erwies sich die Podiumsdiskussion des Lauterbacher Anzeigers zur Lautertaler Bürgermeisterwahl am Donnerstagabend. Mit rund 360 Zuschauern war das Engelröder Dorfgemeinschaftshaus voll besetzt. Alle wollten sehen, wie sich Amtsinhaber Dieter Schäfer, 58 Jahre alt, und der 25-jährige Herausforderer Lukas Becker im direkten Vergleich präsentieren. Die Konstellation hatte bereits im Vorfeld in der Region für so manche Verblüffung gesorgt, kandidiert doch der ehemalige Auszubildende gegen seinen eigenen Chef. Auch parteipolitisch birgt die Wahl eine interessante Wendung, denn die SPD, die nun den jüngeren Lukas Becker unterstützt, hatte vor sechs Jahren Dieter Schäfer ins Rennen geschickt. Zu wenig Engagement für die Themen vor Ort hätte sie dann bewogen, sich nach einem neuen Kandidaten umzuschauen – was den Amtsinhaber völlig überrascht hatte, wie er auch im Laufe des Abends nochmals bekräftigte. So barg der Abend naturgemäß einige Momente, in denen sich die Kandidaten alles andere als einig waren.
Schon als sich die Kandidaten vorstellten, wurde klar, dass es sich um zwei doch recht unterschiedlich Charaktere handelt – zum einen den erfahrenen Amtsinhaber, verheiratet, zwei Söhne, zwei Enkel, der mit insgesamt über 30 Jahren Beruferfahrung als Kämmerer und Verwaltungsfachangestellter im Gepäck antritt. Auf der anderen Seite stellte sich Lukas Becker vor, der nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker beschloss, „die Chance zu ergreifen und sich zu verändern“ und eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten in Lautertal im Juni dieses Jahres abschloss. Er engagiert sich seit 2016 in der Kommunalpolitik in Gemünden/Felda, sitzt im Kreistag, und hat bereits in einem Interview vor sieben Jahren erklärt, irgendwann einmal Bürgermeister werden zu wollen.
Durch die rund zweistündige Diskussion – Bürgerfragen und lustige Einlagen inklusive – führten Redaktionsleiterin Claudia Kempf und Redakteur Oliver Hack und ließen dabei kein kommunalpolitisches Thema aus. Gleich zu Beginn fühlten sie den Kandidaten direkt auf den Zahn. „Wäre es nicht sinnvoller gewesen, erst einmal sechs Jahre Berufserfahrung zu sammeln, Herr Becker?“ Das sah der Angesprochene ganz gelassen. „Ich habe Spaß daran, mit Menschen gemeinsam etwas zu gestalten, habe in Lautertal viele Gespräche geführt und Eindrücke gewonnen. „Ich weiß, was hier passiert, was auf mich zukommt. Und ich habe das Gefühl: Da geht mehr, als es jetzt der Fall ist. Da muss man auch bereit sein, schwierige Entscheidungen zu treffen.“ Und im Namen der Demokratie sei es doch gut, eine Auswahl zu haben. Er sei auch gefragt worden, warum er sich nicht in Ulrichstein oder Herbstein beworben habe. Doch das seien Kommunen, zu denen er keinen Bezug habe. Und das sei ihm wichtig. Weiter ging es mit Dieter Schäfer: „Aus Ihren einstigen Freunden sind anscheinend Feinde geworden: Aus den Reihen der SPD wurde Ihnen sechs Jahre Stillstand vorgeworfen. Und eine bisweilen schlechte Kommunikation mit den Vereinen. Was sagen Sie dazu?“ Das seien aus seiner Sicht unhaltbare Vorwürfe, entgegnete der Amtsinhaber. „Das sind auch nicht meine Feinde“, betonte er ausdrücklich. Er sei immer partei-unabhängig unterwegs gewesen, habe stets auf ein faires Miteinander gesetzt und sei überzeugt, seine Kritiker wieder „einfangen“ zu können. „Es ist schließlich in der Vergangenheit auch alles gesittet abgelaufen. Es war nicht so, dass wir uns jetzt gefetzt hätten.“ Vieles sei eben nicht so schnell in einer Periode zu schaffen, doch wer glaube, dass nichts geschehen wäre, der habe wohl „sechs Jahre lang ein kleines Nickerchen gemacht“.
Ja, er habe sich über den Meinungswechsel der SPD sehr gewundert, fuhr Schäfer fort. Das habe ihn „eiskalt erwischt“ zumal es keine Gespräche gegeben hatte, in denen er kritisiert worden sei. Und was die Vereine betreffe: „Da geht es nur um einen Fall, bei dem eine Mail untergegangen war. Doch das haben wir in einer Sitzung geklärt, da gibt es keine Diskrepanzen mehr. Die Vereine wissen, dass ich ein verlässlicher Ansprechpartner bin und meine Tür für sie immer offen steht.“ Wäre die Geschichte vielleicht anders gelaufen, wenn er damals in die SPD eingetreten wäre? „Ich glaube schon“, schätzte Dieter Schäfer. „Doch ich habe damals bei meiner Wahl versprochen, überparteilich zu bleiben. Nur die Sache und die Bürger sollen für mich im Vordergrund sein – dafür stehe ich.“ Er halte nichts vom „Parteienfilz“. Seine Parteizugehörigkeit sei intern nie ein Thema gewesen, entgegnete Lukas Becker. Man könne der Vielzahl an Bürgermeister im Vogelsberg, die einer Partei angehören, auch nicht vorwerfen, dass sie im „Parteienfilz“ unterwegs seien: „Das ist nicht richtig. Auch was mich betrifft, war mein Wahlkampf kein SPD-Wahlkampf, sondern der Wahlkampf von Lukas Becker.“
„Es ist viel passiert in den vergangenen sechs Jahren“, zählte Dieter Schäfer auf, als er zu einem Rückblick aufgefordert wurde. Baugebiete wurden ausgewiesen, Straßenausbaugebühren abgeschafft, die fünfte Kita-Gruppe stehe kurz vor der Eröffnung und es habe nur eine moderate Steuererhöhung wegen der Kompensierung der Straßenausbaugebühren gegeben. „Dazu noch Ferienspiele und Seniorenbetreuung – das macht Lautertal lebenswert.“ Natürlich seien das alles Standort-Faktoren, räumte Lukas Becker ein. Mit seinem Versprechen, nicht nur nach Lautertal zu ziehen, sondern höchstpersönlich für Nachwuchs zu sorgen, hatte er auf jeden Fall die Lacher auf seiner Seite. Was die Baugebiete betreffe, müsse allerdings stärker „nach oben“ kommuniziert werden, dass die bürokratischen Hürden dringend abgebaut werden müssten. Er begrüße auch die neue Kita-Gruppe, doch langfristig müsse sicher über einen Umbau oder Neubau des Gebäudes nachgedacht werden. Er würde außerdem dafür einstehen, die Gemeinde nach außen hin über seine Social-Media-Kanäle besser zu bewerben. Dem entgegnete Dieter Schäfer, dass er auf diesen Kanälen auch präsent sei. Und dass er sich gewundert habe, dass Beckers Wahlprogramm – abgesehen von den Punkten Bürgerbus und App – deckungsgleich mit seinem sei, das er am 8. Februar allen Fraktionen habe zukommen lassen. Davon ließ sich Lukas Becker nicht aus der Ruhe bringen: „Das Schreiben hat bei den politischen Parteien den Anstoß gegeben, sich nach einer Alternative umzuschauen“, erklärte er. Es sei eben wichtig, wie Themen angegangen würden und wie mit Engagement und Ehrenamt umgegangen werde. „Der Bürgermeister war die letzten fünf Jahre nicht da. Und jetzt, wo Du unterwegs bist, da kommt er auch“, habe er öfters bei Vereinen gehört. „Ob Sie in fünfeinhalb Jahren stets alle Vereine und Veranstaltungen besuchen werden – das lassen wir mal dahingestellt sein“, gab Dieter Schäfer zurück. Jeder Mensch habe schließlich auch ein Privatleben.
Und da der Bürgerbus bereits angesprochen war, bot es sich an, über das Thema weiterzusprechen, als es um die Seniorenfreundlichkeit in Lautertal ging. Lukas Becker erläuterte, dass er sich diesbezüglich bereits mit Ulrichstein und Feldatal ausgetauscht habe, die über einen solchen Bus verfügen, der rege genutzt werde. „Es wäre möglich, konkrete Fahrpläne zu erstellen, Fahrten zum Thermalbad nach Herbstein oder zum Einkaufen nach Lauterbach anzubieten.“ Die Lebensmittelversorgung und die ärztliche Versorgung seien auch wichtige Themen, die es anzupacken gelte, aber ein Bürgerbus könne vorher auch in diesen Bereichen Abhilfe schaffen. Die Fahrten könnten von Ehrenamtlichen übernommen werden, „da müssten wir gemeinsam am Thema arbeiten“. Hier konnte Dieter Schäfer mit seiner Erfahrung punkten: „Wir hatten so einen Bus schon mal. Das Projekt ist aber eingestampft worden, weil es nicht funktioniert hat. Der Bus stand mehr, als er genutzt wurde.“ Es sei nämlich schwer, Fahrer zu generieren. Und es gebe bereits die Nachbarschaftshilfe, die genau solche Arztfahrten anbiete. „Wir sind im Seniorenbereich sehr gut aufgestellt“, fuhr Schäfer fort. Im Seniorenbeirat sei wieder jeder Ortsteil vertreten, da werde tolle Arbeit geleistet. Es gebe Feiern, Thementage, Ein-Tages-Ausflüge und Mehrtagesfahrten, die immer sehr nachgefragt seien.
„Wohnen vor Ort ist auch immer so eine Frage“, nahm Lukas Becker den Ball auf. Er habe sich zum Beispiel mit der Gemeinde Friedewald ausgetauscht, die ähnlich strukturiert sei und wo das DRK betreutes Wohnen inklusive eines Cafés installiert habe. Da gebe es Möglichkeiten, die ausgekundschaftet werden könnten. „Heere Ziele“ konterte der Amtsinhaber: „So was wünsche ich mir auch.“ Jedwede Interessenten für solch einen Bau würde er „sofort einfangen“.
Lebensmittelmarkt, Gewerbe und medizinische Versorgung – auch das waren Themen der Podiumsdiskussion.