Die Stimmung war bestens in dem kleinen Festzelt am Fuß der gigantischen Windkraftanlage. Gestern wurde der neue Windpark »Goldner Steinrück« im Dreieck der Lautertaler und Ulrichsteiner Ortsteile Engelrod, Rebgeshain und Helpershain offiziell mit 70 Projektbeteiligten und Gästen eingeweiht. Am Freitagnachmittag hatte die Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich umfassend über das Projekt zu informieren.
Von einer »langen und schweren Geburt« sprach Dr. Peter Frank, Geschäftsführer der Windpark-Gesellschaft »Goldner Steinrück« und des Projektentwicklers Hessen-Energie, einer Tochter des Energieversorgers Ovag. Der Genehmigungsantrag sei vor fast sechs Jahren gestellt worden, die Genehmigung dann im Juni 2023 mit einem dicken Auflagenpaket für das Projekt erteilt worden, das in einem EU-Vogelschutzgebiet liegt. Der neue Windpark bedeute »Fortschritt hautnah« durch die klimaschonende Stromerzeugung.
Die Daten, die Frank nannte, sind durchaus beeindruckend. 18 veraltete Anlagen des früheren Windparks wurden - rückstandslos wie der Geschäftsführer betonte - abgebaut, dafür fünf neue aufgestellt. Sie sind mit einer Nabenhöhe von 166 Metern und einer Gesamthöhe von 241 Metern rund dreimal so groß wie die alten Anlagen und haben auch eine dreifache installierte Leistung. Insgesamt erhoffen sich die Betreiber rund 80 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Das wäre die fünffache Menge gegenüber dem alten Windpark.
Neben dem deutlichen Zugewinn an Stromproduktion aus Wind stellte der Geschäftsführer auch die wirtschaftliche Beteiligung von Kommunen und Bürgern heraus, was zur Akzeptanz der Windenergie beitrage. Der größte Windpark, den die Hessen-Energie bisher entwickelt habe, komme einem »Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln« gleich, so Frank weiter. Die Ovag bezeichnete er als Pionier in Sachen Windenergie im Binnenland. »Vor mehr als 30 Jahren begann in Ulrichstein die Erzeugung von Windenergie. Heute betreibt das Unternehmen 17 Windparks und erzeuge 350 Kilowattstunden Windstrom im Jahr.«
Frank ging auch auf Probleme bei der Projektumsetzung ein. »Mit dem komplizierten Transport der Anlagenteile vom Produktionsort Cuxhaven bis in den Vogelsberg sind die Grenzen des technisch Machbaren erreicht.« Frank nannte die Begradigung eines Kreisverkehrs und weiterer Kurven, Baumschnitt und das Umlegen von Laternenmasten. Der Aufbau der großen Anlagentürme benötige einen 190 Meter hohen Kran. Aufgrund von Fachkräftemangel seien viele Teams aus Dänemark, Portugal und Polen auf der Baustelle gewesen. Kritisch ging Frank mit den Genehmigungsbehörden ins Gericht und forderte weniger bürokratische Hürden mit kürzeren Bearbeitungszeiten. Gerd Morber, Bereichsleiter Windenergie bei Hessen-Energie, sprach von einem »Quantensprung für mehr Klimaschutz« durch die Repowering-Maßnahme. Aber auch die Umwelt, Tiere und das Landschaftsbild gewännen durch die neuen Anlagen. »Die Rotoren drehen sich langsamer. Das wirkt sich harmonischer auf das Landschaftsbild aus.« Die größere Nabenhöhe sorge für mehr Sicherheit für Vögel, da sie unter den Rotoren durchfliegen könnten. Das Risiko für Greifvögel werde in der Öffentlichkeit ohnehin überschätzt. Das zeigten neue Gutachten. Mit dem Windparkprojekt seien weitreichende Maßnahmen für den Schutz von Vögeln durchgeführt worden. Unter anderem soll an Massenflugtagen von Kranichen die Windräder tagsüber abgestellt werden. »Das gehört zu den Auflagen der Genehmigungsbehörden«, so Morber. Mitte September soll bei drei der fünf Anlagen erstmals Strom fließen, kündigte er an.
Schnellere Genehmigungsverfahren forderte auch Lars Rotzsche, der stellvertretende Landesvorsitzende des Bundesverbandes Windenergie. Durch Klagen mit der Folge langwieriger Gerichtsverfahren würden die Genehmigungen unnötig verzögert und Windkraftprojekte nur erheblich verteuert, letztlich aber doch genehmigt.
Thomas Ufermann, Vertriebsdirektor vom Windenergieanlagenbauer Vestas, berichtete von einem wachsenden Bauvolumen neuer Anlagen in den kommenden Jahren in Deutschland. Neue Anlagen würden mittlerweile eine Höhe von 270 Metern erreichen
Landrat Dr. Jens Mischak betonte die Vorreiterrolle des Vogelsberges in Sachen Windenergie. »Der Vogelsberg ist der führend Landkreis in Hessen mit rund 200 Anlagen. Das Ziel zwei Prozent der Fläche für Windkraft ist schon lange übererfüllt.«
Die beiden Rathauschefs Dr. Steffen Scharmann (Ulrichstein) und Lukas Becker (Lautertal) sowie Björn Köhler vom Vorstand der Energiegenossenschaft Vogelsberg stellten die Bedeutung des Windparks für die Wertschöpfung in der Region und insbesondere die Beteiligung von Kommunen und Bürgern heraus. »Die Erträge bleiben in der Region und fließen nicht in die Kassen internationaler Konzerne.«