Alle vier Jahre feiert die Schulgemeinde der Lautertalschule in Engelrod ein Lesefest mit einer Lesung für Erwachsene, einer für die Kinder und einem großen Bücherflohmarkt. Die Erwachsenenlesung im DGH in Engelrod fiel in diesem Jahr passenderweise auf den bundesweiten Vorlesetag. Schulleiterin Swetlana Daberkow kündigte den Lübecker Schauspieler Rainer Rudloff an, dessen Vorlesekunst Bücher, Szenen, Menschen und Tiere lebendig werden lasse.
Rainer Rudloff betrat dann die Bühne – mit Cowboyhut, Sonnenbrille, blauen Schlaghosen und Cowboystiefeln. Er begrüßte die Anwesenden in einem herrlichen deutsch-amerikanischen Kauderwelsch, um sie anschließend auf das erste Buch des Abends einzustimmen: „Echte Biester“, geschrieben vom amerikanischen Journalisten Carl Hiaasen. Es spielt in den Everglades in Florida und erzählt satirisch vom Entstehen einer Fake-Realityshow namens „Expedition Überleben“. Die Tiertrainer Mickey und Wahoo Cray stellen ihre gezähmten Tiere für die TV-Aufzeichnungen zur Verfügung, unter anderem die Alligatordame Alice. Derek Badger, der oberflächliche und selbstverliebte Star der Show, leidet an Selbstüberschätzung und gerät daher ständig in äußerst gefährliche Situationen. Beim Versuch, eine lebendige Fledermaus zu verspeisen, wird Derek in die Zunge gebissen und flüchtet im Wahn nachts in die Sümpfe.
Rainer Rudloff gelang es, die einzelnen Personen so vorzulesen, dass jede ihre eigene Stimme erhielt. Dabei schwamm er gleichzeitig mit vollem Körpereinsatz durch den Sumpf oder kämpfte mit Alice, der Alligatordame. Als Rudloff sich in der Rolle des wahnhaften Derek auf einen Baum beziehungsweise Stuhl flüchtete und mit geschwollener Zunge gegen die dunklen Mächte ansang, sorgte er für Gelächter und ausgelassene Stimmung im Publikum.
Der Doktor und das liebe Vieh
Nach der Pause wurde es ein wenig ruhiger, aber nicht weniger humorvoll. Rudloff betrat die Bühne diesmal stilecht in Cordhose, grobem Strickpulli und Schiebermütze, denn er las aus den Erinnerungen des englischen Tierarztes James Herriot vor, besser bekannt unter „Der Doktor und das liebe Vieh“. Diesmal lieh Rudloff unter anderem der verschrobenen Landadeligen Mrs. Pumphrey seine Stimme, ihrem verhätschelten Pekinesen Trickey vor allem seine Mimik. Als Dr. Herriot schwebte er angetrunken auf Mrs. Pumphreys Landsitz über das Tanzparkett, um anschließend mitten in der Nacht von einem ungehobelten Landwirt zu einer ferkelnden Sau gerufen zu werden.
Als Rudloff quer auf dem Tisch liegend mit einer Hand das Buch hielt, aus dem er vorlas, und mit der anderen Hand einer imaginären Sau beim Ferkeln half, wurde das Publikum Zeuge seines großen schauspielerischen Talents. Am Ende der Lesung bedankten sich alle Anwesenden bei Rainer Rudloff mit großem Applaus.