Seit 75 Jahren ist die Kirche St. Antonius von Padua in Eichenrod Heimat für die Katholiken in den Lautertaler Dörfern. Am 27. September blickt die lebendige und aktive katholische Gemeinde dankbar zurück auf viele bewegte Jahre und vor allem auf die Anfangszeit in den schweren Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Um den vielen, meist katholischen Vertriebenen in ihrer neuen Heimat auch eine geistliche Heimat samt Kirche zu geben, entstanden nicht nur in Eichenrod in den frühen 1950er Jahren zahlreiche katholische Gotteshäuser. Die relativ junge Filialgemeinde ist eng mit der historischen katholischen Enklave Herbstein im ansonsten protestantisch geprägten Vogelsberg verbunden.
In der Chronik ist hierzu zu lesen: „Veranlasst durch den Zustrom von Vertriebenen, die aufgrund des Potsdamer Kommuniqués vom 2. August 1945 ihre Heimat verlassen mussten, wurde die Kath. Seelsorgestelle Eichenrod vom Bischöflichen Ordinariat in Mainz errichtet. Zu dieser Seelsorgestelle gehören noch folgende auswärtige Ortschaften: Hopfmannsfeld, Dirlammen, Hörgenau, Engelrod und Eichelhain. Zum ersten Seelsorger genannter Seelsorgestelle wurde Dechant Ant. Marschner mit Rechtskraft vom 2. April 1947 ernannt. Ein eigener Gottesdienstraum war damals nicht vorhanden. Der Gottesdienst wurde in evangelischen Kirchen gehalten. Im Jahre 1949 gelang es, Hw. Herrn Dechant Marschner in Eichenrod ein Haus käuflich zu erwerben, das als Wohnhaus und Kapelle diente, wobei Herr Dechant Marschner den Wohnraum zugleich als Gottesdienstraum benutzte. Wiederholt war der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus ausgesprochen worden. Die Voraussetzungen für die Erfüllung dieses Wunsches wurden nunmehr geschaffen. Nachdem von Hw. H. Dechant Marschner am 10. August des Jahres 1951 der erste Spatenstich gemacht war, wurde nunmehr am 30. September 1951 von Hw. Geistlichen Rat und Dekan Georg Croenlein aus Lich die Grundsteinlegung der neuen Kirche vorgenommen. Dieselbe fand unter starker Beteiligung der hiesigen Gemeinde und der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften statt. Unter den Ehrengästen befanden sich die Gräfin Westerholt, Rixfeld, der Graf und die Gräfin Ballestrem, Herbstein, Pfarrer Lerch, Herbstein, Studienrat Feigl, Bensheim, ein Vertreter des Deutschen Ordens und der Vertreter der evangelischen Gemeinde, Herr Pfarrer Schultz, Engelrod. Letzterer betonte die ausgezeichnete Zusammenarbeit beider Konfessionen und sein persönliches gutes Verhältnis zu Hw. H. Dechant Marschner.“
Aber es gibt auch noch lebende Chronisten aus den Anfangstagen der Eichenröder Gemeinde: Zeitzeugen im Gespräch mit dem Pfarrgemeinderat an den Bau der Kirche.
Theo Leipert, mittlerweile 92 Jahre alt, war als elfjähriger Junge mit seiner Mutter als Heimatvertriebener nach Hörgenau gekommen. Er berichtet davon, wie er als 15-Jähriger beim Bau der Kirche mitgeholfen hat. „Meine Aufgabe war es, die riesige Betonplatte, die noch von der Baracke des Arbeitslagers für Landmädchen auf dem Grundstück war, zu zerlegen, ohne Maschinen, nur mit einem Hammer. An manchen Tagen habe ich zwei Hammerstiele verbraucht.“ Die Betonstücke wurden für das Fundament der neuen Kirche gebraucht, ebenso alle Eisenarmierungen, die sorgfältig freigelegt und gerade gebogen werden mussten. „Beim Abtragen der Wiese und Graben für das Fundament (mit Spaten!) habe ich ein Hufeisen gefunden und nach Lauterbach ins Museum gebracht. Es stellte sich heraus, dass dieses Hufeisen zur Reiterarmee Napoleons auf dem Russlandfeldzug gehörte.“ Das Holz für den Dachstuhl war von der Gräfin Westerholt gespendet worden. „Wir kletterten im Dachstuhl herum, ohne Sicherung. Aber wir waren jung und hatten keine Angst, und es ist nichts passiert. Heute wäre so etwas nicht mehr möglich.“ Leipert war auch bei den ersten Messdienern.
Dazu kamen unter anderem die Söhne des Maurers Otto Zink, der im Wesentlichen den Bau der Kirche anleitete und durchführte. „Es war eine große Ehre, Messdiener sein zu dürfen“, erzählt auch Walter Zink, einer der Söhne, heute 87 Jahre alt. „Bei Beerdigungen mussten wir manchmal zu Fuß bis nach Lanzenhain durch den Schnee stapfen. Wir froren bitterlich, und wir haben dann extra das Rauchfass schon früher angezündet, um uns daran die Hände wärmen zu können.“ Die Söhne gingen ihrem Vater auch beim Bau zur Hand, sie schleppten unter anderem Zementsäcke. Von daher rührt auch die große Verbundenheit der Eichenröder zu ihrer Kirche. „Ich habe meinem Vater Otto gesagt, dass die Kirchenbänke ausgetauscht werden mussten, weil sie wurmstichig waren“, erzählt Zink. „Erst wollte er nicht, aber dann habe ich ein Stück einer Kirchenbank ausgesägt und ihm gezeigt.“ 1999 wurden die Kirchenbänke ausgetauscht.
Zink berichtet auch, wie die Messe vor dem Bau der Kirche gefeiert wurde: Auf dem Gelände stand bereits das Pfarrhaus, in dem der erste Eichenröder Pfarrer Marschner wohnte. Der Gottesdienst fand in diesem Haus im Wohnzimmer statt, die Orgel stand im Schlafzimmer, die Gläubigen füllten alle Räume aus und standen teilweise noch vor der Haustür. Umso wichtiger war der Bau der Kirche und dann das intensive Leben darin. Der Chronik ist zu entnehmen, dass 1985 zwei Messgewänder zum Selbstarbeiten erworben und von Anneliese Zink, der langjährigen Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates, und Rosemarie Möser genäht und bestickt wurden.
Ebenfalls einer der ersten Messdiener war Alfred Hank, der heute auch 87 Jahre alt ist. Er erinnert sich, als 12-jähriger Bub auf der Leiter gesessen zu haben und Ziegel für das Dach nach oben weitergereicht zu haben. Damals wusste er noch nicht, dass er später 47 Jahre lang Vorsitzender des Verwaltungsrates der Gemeinde sein und damit wesentlich über die Renovierungsarbeiten an der Kirche mitbestimmen würde.
Von einer weiteren Besonderheit berichtet Organistin Cornelia Bothe: „An Weihnachten singen wir das bekannte Weihnachtslied ,Heiligste Nacht‘ mit einer völlig anderen Melodie, als sie im Gesangbuch des Bistums Mainz steht. Diese Melodie habe ich auf einem alten, stark vergilbten Notenblatt von meinem Vorgänger Rudolf Möser übernommen, sie war von den Heimatvertriebenen mitgebracht worden.“
Stolz auf aktives Gemeindeleben
Heute ist die Gemeinde stolz auf ihr ungewöhnlich aktives Gemeindeleben. „Unsere Gottesdienste sind immer gut besucht, und wir hatten bei der letzten Wahl zum Pfarrgemeinderat die höchste Wahlbeteiligung, gemessen an der Zahl der Gemeindemitglieder, im ganzen Bistum“, erzählt Gabi Spissinger, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates. Die Zusammenarbeit mit dem derzeitigen Pfarrer Martin Kleespies aus Herbstein und der Gemeindereferentin Angelika Franz sei sehr gut und mache immer Freude. „Wir freuen uns auf unsere Jubiläumsfeier am 27. September, mit einem Festgottesdienst um 8.30 Uhr und anschließendem Empfang.“