Auf die Lauter-Taler kommt es an

Lebensmittelmarkt, ärztliche Versorgung, Finanzen und Fördermittel: Bürgermeisterkandidaten bewiesen Detailwissen.

Nichts zum Einkaufen, kein Arzt in der Gemeinde — das sind große Bausteine, die die Gemeinde Lautertal bereits seit Jahren mit sich herumträgt. Natürlich waren das auch Themen, die in der Podiumsdiskussion mit den Lautertaler Bürgermeisterkandidaten angesprochen wurden. Amtsinhaber Dieter Schäfer und Herausforderer Lukas Becker hatten da durchaus unterschiedliche Ansätze.

„Wir müssen Lebensmittelversorgung neu denken“, warb Lukas Becker. Dieser Eindruck habe sich auch bei seinem Praxistag beim Metzger in Engelrod verfestigt. Vielleicht sei dort eine Angebotserweiterung möglich? Denn einen Markt hierher zu bekommen, auch einen teo – ein kleiner Stationsmarkt von tegut – sei schwer. „Die schauen sich die Kaufkraft der Kommune an.“ Und da die rechnerische Kaufkraft von vier Ortsteilen an Herbstein verkauft worden sei, um den dortigen Edeka erweitern zu können, sei nicht mehr viel übrig. Denkbar seien stattdessen Abholstationen, ähnlich wie es diese auch bei Rewe gebe. „Es muss auf jeden Fall eine Option geben, die alle annehmen können. Etwas gemeinsam mit Versorgern vor Ort.“ Dieter Schäfer betonte, dass er mit tegut immer noch im Kontakt wegen eines teos sei. Das Grundstück sei zu haben und die Nähe zur Firma Caspar mit 100 Mitarbeitern erhöhe die Kaufkraft nochmals. Abholstationen gebe er keine große Chance. Und ein geringeres Angebot habe leider schon in „Tinas Lädchen“ nicht funktioniert, da dort nicht die günstigen Preise der großen Märkte gehalten werden könnten. „Da kaufen die Leute dann doch lieber in Lauterbach.“

Beim Thema Finanzen sah Schäfer die Gemeinde gut aufgestellt, auch wenn er für die Zukunft keine Erhöhungen ausschließen könne. Die Nettoverschuldung sei nicht nach oben gegangen, es sei kein Kassenkredit nötig gewesen. „Wir stehen wegen der Hessenkasse gut da“, setzte Lukas Becker dem entgegen. Und dass aus dieser aus dem Vollen geschöpft werden konnte, sei der guten Haushaltsführung des Vorgängers Heiko Stock zu verdanken. Das brachte Becker einen Sonderapplaus des Publikums ein. „Fördermittel sind eine zentrale Schraube, an der wir drehen können“, erklärte er seine Sicht der Dinge. So könnten im Bereich Klimaschutz hohe Fördersummen nach Lautertal fließen, sodass die Gemeinde beispielsweise für Photovoltaik am Rathaus in Hörgenau nur noch zehn Prozent Eigenanteil tragen müsse. Zur Maßnahme gehöre auch die Beleuchtung. Er habe sich auch beim Förderlotsen des Innenministeriums bereits schlau gemacht, der ihm versichert habe, dass es für die Bereiche Wasser und Abwasser gute Fördermöglichkeiten gebe, die Lautertal in Anspruch nehmen könne. „Das hat mir der Landtagsabgeordnete Michael Ruhl auch zugesagt“, ergänzte Dieter Schäfer.

Wichtig sind für jede Gemeinde auch die Gewerbebetriebe. „Ich möchte die Kommunikation mit den Betrieben intensivieren“, wünschte sich Lukas Becker. Ein Unternehmerforum, in dem sich die Firmen austauschen könnten, sei nicht nur ein Wunsch, den er während seines Wahlkampfes öfter gehört habe, sondern auch ein Gewinn für alle, „um gemeinsam etwas voranzubringen“. Er wolle auf jeden Fall aktiv dafür eintreten, die Geschäftsleute bei langwierigen und schwierigen Genehmigungsverfahren zu unterstützen, unter Umständen gebe es auch für das Gewerbe Fördermittel. Auch an ihn könnten sich die Unternehmer immer wenden, setzte Schäfer nach. Denkbar sei auch ein Ausbildungsbonus für Azubis, ähnlich wie es ihn in Freiensteinau gibt. Und wenn ein Forum gewünscht werde, sei er dafür natürlich offen.

„Das Thema Ärzteansiedlung ist eine sehr schwierige Aufgabe“, betonte Dieter Schäfer. Die Hürden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) seien hoch, der Beruf in der Selbstständigkeit heute für viele Mediziner unattraktiv. Auch eine mobile Sprechstunde des MVZ (medizinischen Versorgungszentrums) in Grebenhain/Freiensteinau sei nicht ganz einfach, denn „dann muss auch die Behandlung dort erfolgen“. Das sah Lukas Becker gänzlich anders: Die Zuständigen der KV Hessen hätten ihm bereits versichert, dass ein Arztsitz für Lautertal weniger ein Problem sei. Auch der Geschäftsführer des MVZ habe seine Bereitschaft für eine Sprechstunde vor Ort signalisiert: „Es geht ja auch oft nur um ein Rezept“, erklärte Becker. „Die Herausforderung ist in der Tat, einen Arzt zu finden, der sich niederlässt, denn die Tendenz geht zum Angestelltenverhältnis.“ Darauf müsse die Gemeinde aufbauen. Die Finanzierung sei eine Frage der politischen Entscheidung und könne Teil des Haushaltes sein. „Wenn sogar Antrifttal einen Arzt hat, warum nicht auch Lautertal?“ Daran glaubt Dieter Schäfer nicht: „Das sind jetzt so Parolen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich auch in fünfeinhalb Jahren kein Arzt in Lautertal niederlässt.“ Es könne auch ein Zweitstandort sein, da gebe es sicher noch andere Ideen, ließ Lukas Becker nicht locker.

Als es um das Thema „Moderne Verwaltung“ und „Digitalisierung“ ging, konnte sich Dieter Schäfer den Hinweis nicht verkneifen, dass Lukas Becker nach seiner Ausbildung eigentlich einen Arbeitsvertrag als Digitalbeauftragter für Herbstein, Wartenberg, Grebenhain und Lautertal bekommen habe. Er sollte federführend den Kommunen dabei helfen, den digitalen Leistungskatalog zu erfüllen. Nun hinge man in der Luft. „Da sollten wir schon bei den Fakten bleiben“, erklärte Lukas Becker. Alle Gemeinden hätten zunächst für sich die Aufgabe, sich auf die Umstellung vorzubereiten. „Und dann habe ich den Lehrgang schließlich nicht allein gemacht. Es geht also nach wie vor weiter. Es hängt keiner in der Luft, egal wie die Wahl ausgeht.“ Ansonsten setzten beide Kandidaten auf ihre Präsenz in den Sozialen Medien, um nach außen zu kommunizieren, Dieter Schäfer verwies noch auf die Whatsapp-Dorfgruppen. Eine eigene App sei damals von der Gemeindevertretung abgelehnt worden.

Mit einem Streifzug durch die Themen Tourismus – bei dem Schäfer auf einen Gastgeberstammtisch und eine touristische Arbeitsgruppe mit sechs Kommunen verwies und Becker dafür plädierte, in Sachen Tourismus als Vogelsberg zusammenzustehen – und der Interkommunalen Zusammenarbeit, die beide befürworteten, schloss die große Talkrunde.

Unter großem Gelächter ging es vor der anschließenden Bürgerfragerunde um „lauter Taler“: Die Kandidaten mussten das Kleingeld – die ganzen „Taler“ – in einem großen Glas schätzen. Danach galt es, ein Eurostück auf den eigenen Handrücken zu legen, dieses hochzuwerfen und wieder zu fangen. Zum Schluss hatten Dieter Schäfer und Lukas Becker die Aufgabe, ein Gedicht über Lautertal zu reimen mit den Worten Lautertal, Gemeinsamkeit, Bürgermeister und mindestes einem Lautertaler Ortsteil. An dieser Stelle konnte Dieter Schäfer den Gleichstand zwischen den Kandidaten ausbauen, denn Reimen lag Lukas Becker überhaupt nicht. Als Sieger bekam Dieter Schäfer einen „Lauter-Taler“, gebacken von der Bäckerei Schrimpf aus Lauterbach, überreicht. Und da es – im Gegensatz zur Wahl – bei der Diskussion keinen Verlierer geben sollte, erhielt auch Lukas Becker einen „Taler“, was das Publikum mit Lachen und großem Applaus quittierte.

Zum Schluss des Abends dankte Claudia Kempf allen Beteiligten – insbesondere Frank Marx für die Technik und dem TV Engelrod für die Bewirtung.

Umwelthemen, Vereine und das Ehrenamt

Bei jeder Podiumsdiskussion ist es immer spannend, wenn das Publikum Fragen stellen kann. Mal gibt es mehr, mal weniger Fragen. Gleich drei Fragen stellte in Lautertal Richard Golle aus Hörgenau. Als Erstes wollte er von den Kandidaten wissen, wo sie die Gemeinde in puncto Wasserversorgung in den kommenden sechs Jahren sehen – vor allem was die Bereiche Brauchwasser und Löschwasser betrifft. Dieter Schäfer plädierte an dieser Stelle für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft. Die Tierbestände müssten den Flächen angepasst sein. Firmen, die Gewässer verschmutzten, müssten an der Beseitigung der Schäden beteiligt werden. Was das Brauchwasser betreffe, gebe es für Neubauten die Auflage, Zisternen zu bauen. „Zisternen sind eine Möglichkeit, bei Löschwasser auf eine Entnahme aus der Leitung zu verzichten“, betonte Lukas Becker. Am Ende müsse allerdings abgewogen werden, ob die Investitionskosten im Verhältnis zu dem stehen, was man erreichen wolle. „Wir werden im Ernstfall nicht umhinkommen, Wasser aus dem Hochbehälter zu nutzen.“ Danach erkundigte sich Richard Golle nach Ideen, die Vereine enger zusammenzuführen. Der Amtsinhaber verwies darauf, dass dies zum Jubiläum „50 Jahre Lautertal“ in einem großen Chor schon sehr gut gelungen sei. Er könne sich auch eine Sternwanderung vorstellen oder einen gemeinsamen Frühschoppen aller Jugendclubs der Gemeinde. Lukas Becker erklärte, dass er den Eindruck habe, dass die Vereine bereits gut zusammen arbeiteten. „Als Bürgermeister kann man da moderativ aktiv sein, aber weitere Initiativen müssen von den Bürgern selbst kommen.“ Als Drittes erfragte Richard Golle den Standpunkt der Kandidaten zu den Themen Artenschutz und Wälderschutz. „In der Holzvermarktungsgesellschaft gibt es eine Plattform, in der brache Flächen registriert werden.“ Diese könnten Firmen als Ausgleichsflächen nutzen. Das führe dann kostengünstig zu einer Aufforstung. Und manchmal müsse „man den Wald auch einfach mal machen lassen“, so Becker. Auch durch Repowering würden Flächen wieder frei, „die zu bewirtschaften geht aber nicht ohne die Landwirtschaft“. Dieter Schäfer betonte die Wichtigkeit von Nachpflanzungen bei Schäden, für die es auch Förderungen gebe. Lautertal sei da durch das Forstamt gut beraten. „Und die Landwirte machen auch schon sehr viel von sich aus.“

Thomas Rupp aus Hörgenau wollte wissen, ob Lukas Becker sein Mandat im Kreistag nach der Wahl aufgeben werde. „Das ist wichtig, um vernetzt zu bleiben. An den Kontakten und den Themen dran zu sein, ist unerlässlich“, antwortete Lukas Becker. Sein Mandat in Gemünden sowie seine ehrenamtliche Tätigkeit dort werde er aber mit seinem Umzug niederlegen und sich stattdessen in Lautertal, zum Beispiel in der Feuerwehr, engagieren.

Kommentar: Es bleibt spannend

König Salomon hätte vielleicht vorgeschlagen, die beiden Kandidaten für die Lautertaler Bürgermeisterwahl zu halbieren und einen daraus zu machen. Denn die Erfahrung von Amtsinhaber Dieter Schäfer und die neuen Ideen des Herausforderers Lukas Becker würden sich unterm Strich gut ergänzen. Das war – mal abgesehen von den Zwischentönen mit persönlicher Note – auch während der Diskussionsrunde des Lauterbacher Anzeigers gut zu erkennen. Denn so grundsätzlich schlossen sich die Ansichten der Kandidaten nicht voneinander aus. Erfahrung ist stets ein nicht zu unterschätzender Bonus. Ein neuer Blickwinkel bringt aber auch neue Ideen und neue Vorgehensweisen mit sich.

Daher scheint die Wahl in Lautertal eine Grundsatzfrage zu werden: Vertraue ich dem „alten Hasen“ und stehe weiter zu ihm? Oder will ich einen anderen Weg gehen? Lukas Becker warb für sich als „Variante Zukunft“ und zeigte, dass er über die Gemeinde bestens informiert ist und bereits die Fühler für neue Projekte ausgestreckt hat. Dieter Schäfer wird kein drittes Mal kandidieren, hat aber durchaus mit Einblicken aus sechs Jahren Bürgermeistertätigkeit punkten können. Er hat an diesem Abend die undankbare Aufgabe übernommen, manche Ideen seines Herausforderers als unrealistisch einzustufen, musste aber auch anderen Stellen selbst Federn lassen.

Es bleibt also spannend in Lautertal. Ein Erdrutschsieg eines Kandidaten würde mich sehr überraschen.

Annika Rausch