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Zusammenhalt und Infrastruktur gegen Rückgang?
Demografie-Experten-Forum beriet in Romrod über mögliche Wege aus der Demografiekrise- Berlin-Institut war zu Gast.
Gute Schulen, gute Betreuungsmöglichkeiten, gute Infrastruktur und die Nähe zu größeren Städten sind ganz sicher unverzichtbare Kriterien, das weitere Abwandern von Bürgerinnen und Bürgern aus dem ländlichen Raum zu stoppen, oder wenigstens zu mildern. Aber in einem Vortrag von Dr. Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut wurde auch deutlich: Vielleicht sind aber auch die "Stimmung" der Bürgerschaft, ihr Selbstwertgefühl, ihre Fähigkeit und Bereitschaft zum Ehrenamt, ihre Kreativität für neue Lösungswege, das warme Gefühl echter Zusammengehörigkeit weitere unverzichtbare Gründe zum Bleiben oder zum Kommen.
Der Bevölkerungswissenschaftler und Bildungssoziologe aus Berlin war vor wenigen Tagen auf Einladung von Margit Wagner (Amt für den ländlichen Raum, ALR) nach Romrod zu einem Forum gekommen, um gemeinsam mit Kreissachverständigen und Vertretern der Kommunalpolitik über mögliche Wege aus der Demografiekrise zu beraten. Dabei wurde deutlich: Die Datengrundlage für praktische Schritte ist im Vogelsbergkreis gut, "weil an dem Thema seit einigen Jahren kontinuierlich gearbeitet wird", so Wagner. Das heiße nicht, dass die Zahlen gut sind. Aber die Arbeitsstrukturen sieht Wagner als "vorbildlich" an: nach der ersten großen "Strategietagung Demografie" im vergangenen Jahr gibt es die "Projektgruppe Demografie" und unter anderem den "Runden Tisch Ärztliche Versorgung".
Der Vogelsbergkreis leidet sehr unter den Problemen, die gerne unter dem Begriff "Demografie" zusammengefasst werden. Wenig Geburten, junge Leute ziehen weg, das Durchschnittsalter ist hoch, Leerstände in kleinen Orten nehmen zu, Infrastruktur aufrechtzuerhalten, wird immer kostspieliger für die Gemeinden und den Landkreis. Grund genug für Margit Wagner, Demografie-Expertin und verantwortlich für die Dorf- und Regionalentwicklung im Kreisamt für den ländlichen Raum, alle Ressourcen - auch die der Wissenschaft - aktiv zu nutzen, um eine Gegensteuerung zu erreichen. "Die Prognose der Hessen-Agentur 68.000 Einwohner im Vogelsbergkreis im Jahr 2050 muss nämlich nicht eintreten - wenn wir gemeinsam wirklich gegensteuern", betonte Margit Wagner.
Weil bereits in den zurückliegenden Jahren sehr strukturiert am Thema Regionalentwicklung gearbeitet worden sei, so Wagner, habe die Landesregierung in zwei wichtigen Bereichen beschlossen, den Vogelsberg als Pilot-Region zu unterstützen. So gibt es erstmals im Rahmen der geplanten Neustrukturierung der hessischen Dorferneuerung in Schotten einen neuen "integrierten Ansatz", der die gesamte Großgemeinde einbezieht. Zum anderen kann der Vogelsbergkreis als ausgewählter Landkreis in Hessen auf die enge Forschungs- und Wissenschaftszusammenarbeit mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bauen.
Das Berlin-Institut nimmt in einer Studie zur Zukunft kleiner Orte den Vogelsberg in den Blick. Die Studie wird gefördert von der Stiftung Schloss Ettersburg in Thüringen. Dabei geht es um Analyse, darunter Kosten der Infrastruktur und Standards, später dann um Handlungsempfehlungen. Ein Zwischenergebnis: Alle Vogelsberger Dörfer mit bis zu 500 Einwohnern wurden gründlich angeschaut - die Erkenntnisse konnten aussagefähig mit den bereits vorhandenen Daten des ALR vernetzt werden.
Es wurde deutlich: Es gibt keine festen Muster - manche Orte verlieren stark, manche weniger. Die Gründe sollen nun noch eingehender untersucht werden, um mit den Erkenntnissen gegensteuern zu können. Lautertals Bürgermeister Heiko Stock machte deutlich: "Die Planvorgaben aus Berlin und Wiesbaden sind viel zu starr und verhindern dadurch mögliche kommunale Entwicklung." Bernd Klotz vom Städte- und Gemeindebund pflichtete Stock bei: "Alle Standards müssen auf den Prüfstand - zugunsten der Kommunen."
Im Rahmen der "neuen Dorferneuerung", dem "Integrierten kommunalen Entwicklungskonzept" (IKEK) in Schotten, hat es bereits 15 Veranstaltungen in allen Stadtteilen gegeben. Vorschläge von über 350 Bürgerinnen und Bürgern konnten eingesammelt werden. Jetzt sollen die Ortsteilerkenntnisse in eine kommunale Gesamtstrategie münden, berichteten Margit Wagner und Bürgermeisterin Susanne Schaab.
In der Diskussion stellte Margit Wagner erneut den Vogelsberger Ansatz heraus: "Ja, wir brauchen veränderte politische Rahmenbedingungen mit fairen Standards. Aber wir müssen auch schauen, was wir selbst tun können." Dabei müssten beispielsweise eine intakte Kulturlandschaft, Ressourcen für moderne Energiegewinnung und Trinkwasser dem ländlichen Raum deutlich mehr nutzen. "Der Mehrwert muss in der Region bleiben", unterstrich Wagner.
Für Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg ist klar: "Der Stadt-Land-Ausgleich muss Konsens sein. Derzeit haben wir eher eine Kolonialisierung des ländlichen Raums." Ihre Kollegin Susanne Schaab aus Schotten sprach sich für ein aktives Leerstandsmanagement und für eine Fachkräfte-Image-Kampagne im Rhein-Main-Gebiet aus. "Denn wir haben etwas zu bieten", unterstrich die Rathauschefin. Professor Wulf Bennert appellierte im Zusammenhang mit Leerständen und Verfallsproblematik an die Pflichten von Eigentümern. Zudem hielt er im Konsens mit der Runde Bürgerbeteiligung und interkommunale Zusammenarbeit für unverzichtbar.
Klaus Schüttler, langjähriger Regionalentwicklungsexperte aus Wiesbaden, plädierte für die Notwendigkeit differenzierter Standards - diese seien Kostenverursacher und müssten sowohl von den Städten als auch vom ländlichen Raum getragen werden.
In Romrod diskutierten unter der Moderation von Margit Wagner unter anderem Dr. Steffen Kröhnert, Berlin-Institut, Professor Dr. Wulf Bennert von der Stiftung Schloss Ettersburg, Dr. Kerstin Jaensch von der Hessen-Agentur, Bernd Klotz vom Hessischen Städte- und Gemeindebund, Klaus Schüttler, Ministerialrat a.D., Dr. Norbert Mager und Reiner Kopp vom Wirtschaftsministerium, Kirsten Steimel vom Planungsbüro Regio-Trend, die Bürgermeisterinnen Dr. Birgit Richtberg und Susanne Schaab, Bürgermeister Heiko Stock sowie Diplom-Geograf Matthias Sebald vom Amt für den ländlichen Raum.
08.06.2011
