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Vogelsberg muss auf Demenzerkrankungen vorbereitet sein



"Vogelsberger Frauen- und Familiengesundheitstage" informierten über das Thema "Demenz" - "Hilfe sollte mehr sein als Sauber- und Sattpflege".

Ob Ronald Reagan, Rita Hayworth oder der ehemals immer so hilfsbereite Nachbar von nebenan - jeden kann sie treffen, die so genannte Demenz. Eine Erkrankung, in der sich die Persönlichkeit eines Menschen in einer Art Rückwärtsentwicklung nach hinten zu drehen scheint. Fähigkeiten gehen verloren, der einstige typische Charakter des jeweiligen Menschen ist plötzlich nicht mehr erkennbar. Viel darüber konnte man bei der Einführungsveranstaltung der diesjährigen "Vogelsberger Frauen- und Familiengesundheitstage" erfahren.

Zwischen Vorträgen und der Möglichkeit, sich am Büchertisch zum Thema "Demenz" schlau zu machen, erlebte man als weichen Contra-Punkt die anmutigen Tänzerinnen unter der Leitung von Barbara Heinz. In ihren rhythmischen und harmonischen Bewegungen bei orientalischem Tanz und Qi Gong wurde deutlich, wie schön und ausdrucksstark Bewegung sein und wie sie die innere Balance ausgleichen kann. Viel Applaus gab es von den zahlreichen Besuchern, die sich in der Aula der Sparkasse in Lauterbach eingefunden hatten. Begrüßt wurden die Anwesenden von der Gleichstellungsbeauftragten des Vogelsbergkreises, Sylke Emmermann. Als offizielle Gäste waren vor Ort die beiden Referenten, Professor Dr. Herbert Seibold, Chefarzt der Geriatrischen Abteilung im Medizinischen Zentrum Eichhof Lauterbach, sowie Psychiatrie-Fachkrankenpfleger Ingo Schwalm, Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller und Rosemarie Müller als Kreisseniorenbeauftragte.

"Dass die sechsten Vogelsberger Frauen- und Familiengesundheitstage nicht nur zu einem solchen Erfolg geworden sind, sondern jährlich höhere Besucherzahlen verzeichnen, ist jedoch nicht zuletzt der zahlreichen und interessierten Teilnahme vieler Bürger und Bürgerinnen an den diversen Veranstaltungen in den unterschiedlichen Orten des Vogelsberges zu verdanken!" Sylke Emmermann wies außerdem darauf hin, dass mehr als eine Million Menschen in Deutschland an einer Demenz leiden. "Mit der statistisch kontinuierlich steigenden Lebenserwartung steigt auch das Krankheitsrisiko. Fluch und Segen des medizinischen Fortschritts und der - vielleicht - besseren Ernährung sind untrennbar mit dieser Problematik verbunden." Im Vogelsberg gehe man von ungefähr 2000 betroffenen Menschen aus, die an einer Demenz erkrankt seien. Je mehr positive Öffentlichkeit man für das oft angstvoll gemiedene Thema der Demenz schaffen könne, desto besser werde es gelingen, Verständnis, Zuwendung und Hilfsbereitschaft für betroffene Familien zu wecken. Vertreter des Bürgernetzwerks Vogelsberg 2020 hätten erkannt, dass diesbezüglich ehrenamtliche Hilfenetze rechtzeitig aufgebaut werden müssten, "damit möglichst in jeder Stadt und Gemeinde im Vogelsbergkreis eine Anlaufstelle für freiwillige soziale Hilfe entsteht".

Einen breiten Überblick über medizinische und menschliche Problematik der Demenzerkrankung gaben die Ausführungen von Professor Seibold. Deutlich wurden die verschiedenen Stadien der Krankheit und die jeweiligen Folgen für den Patienten selbst und für die, die am nächsten mit ihm zu tun haben: Verlust von Kurzzeitgedächtnis, Orientierung und logischem Denken, Verlust der Sprache, Verlust von Grob- und Feinmotorik... So bleibt nicht nur das Problem einer nicht abgestellten Herdplatte, vielmehr wird es irgendwann schwierig, den Patienten darauf anzusprechen. Dieser verliert nämlich nach und nach seine Emotionskontrolle und reagiert aggressiv. Massive Beschuldigungen bis hin zur Wahnhaftigkeit ("Du hast mein Geld gestohlen!") können weitere Folge solcher Verfallserscheinungen sein. Bestehen bleiben zu Beginn Teile des Langzeit-Gedächtnisses, zum Beispiel Arbeitsgedächtnis oder Schulwissen. Wenn man den Patienten dorthin führt, wo er aus sich herauskommen kann - ob beim Anschauen des alten Hochzeitsbildes, beim Kartoffelschälen oder beim Erzählen von Kriegserlebnissen - kann man ihn ablenken. "Eine einfache Sprache ist wichtig, Anschuldigungen sollte man einfach übergehen", so Dr. Herbert Seibold. Grundsätzlich solle die Behandlung eines Demenzerkrankten liebevoll und respektvoll sein.

Ingo Schwalm ging in seinen Ausführungen unter anderem auf seine persönliche Erfahrungen ein, die er als Betreuer von ungefähr 250 Demenzkranken im gesamten Kreisgebiet erlebt hat. Eine Heilung von Demenz sei bisher trotz intensiver Forschung nicht möglich. Allerdings könnten spezielle Medikamente, so genannte Antidementiva, den Verlauf einer Demenz günstig und entscheidend beeinflussen: "Der Verfall der kognitiven Fähigkeiten kann deutlich verlangsamt werden." Immer wieder wichtig sei in diesem Zusammenhang der Besuch eines Facharztes. "Deswegen müssen im Vogelsberg in absehbarer Zukunft die Vernetzung von Anlaufstellen vorangetrieben werden und der Ausbau von Pflegestützpunkten." So könnten auch Angehörige, Pflegekräfte und Betreuer besser unterstützt werden. Denn: "Eine umfassende Hilfe für Demenzkranke sollte mehr sein als Sauber- und Sattpflege!".

Lauterbacher Anzeiger (mp)
01.12.2008

 

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