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Kleine Dörfer schrumpfen schneller
Zwischen Stabilität und Niedergang: Studie über die Zukunft der Dörfer im Vogelsbergkreis gestern vorgestellt.
Um die Zukunft der Dörfer im ländlichen Raum, vor allem aber um die Zukunft der Dörfer im Vogelsberg, ging es gestern im voll besetzten Bürgerhaus in Romrod. Über 140 Vertreter aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft waren der Einladung der in Thüringen ansässigen Stiftung Schloss Ettersburg gefolgt, um die Ergebnisse einer Studie zu diskutieren, die die Stiftung gemeinsam mit dem Berlin-Institut zum Thema "Zukunft der Dörfer - Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang" im Kreis Greiz in Thüringen und im Vogelsbergkreis erstellt hatte.
Die Problematik, die für den Rest des Tages im Blickpunkt stehen sollte, hatte die Hausherrin des Tagungsorts, Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg, bereits in ihrem Grußwort angesprochen. Der ländliche Raum werde behandelt wie eine Wachstumsregion, ohne dafür finanziell ausreichend aufgestellt zu sein und zu werden. Im "Schrumpfungsraum" würden die im Grundgesetz angesprochenen gleichwertigen Lebensbedingungen in Frage gestellt. Noch habe der ländliche Raum, der sich nicht als "Anhängsel einer Metropolregion" verstehe, das Potenzial und die Kraft, sich zu stabilieren, aber es stelle sich die Frage, ob "man uns die erforderlichen eigenen Handlungsspielräume einräumt?" Womit Birgit Richtberg direkt auf eine der Ergebnisse der Studie einging, die sich für mehr lokale und regionale "Handlungsautonomie" ausspricht.
Landrat Rudolf Marx begrüßte, mit der Studie komme die Diskussion "weg von einem gefühlten Demografieproblem" hin zu belastbaren Daten, die die Möglichkeit zu "zielsichereren Handlungsableitungen" geben. Dass ein Bevölkerungsrückgang nicht automatisch eine negative Entwicklung bedeuten müsse, betonte Wirtschaftsstaatssekretär Steffen Saebisch, der die Landesregierung vertrat. Es gebe viele Beispiel für einen "gelungenen Umgang mit den demografischen Veränderungen".
Die Vorstellung der Untersuchungsergebnisse übernahm Prof. Dr. Wulf Bennert, der Wissenschaftliche Direktor der Stiftung Schloss Ettersburg. Auf der Suche nach Faktoren, die angesichts des demografischen Wandels Zukunftsfähigkeit oder Schrumpfung der Einwohnerzahlen bewirken, gibt es, wie die Studie ergab, keine generelle Antwort. Nicht die Region sei entscheidend, die Frage müsse für jedes Dorf individuell beantwortet werden. Festzustellen sei: Kleine Dörfer schrumpfen schneller, sichtbare Leerstände in einer Größenordnung von bis zu zehn Prozent, wie die Studie ermittelte, mindern die Attraktivität und bedeuten Einwohnerverlust, ein lebendiges Vereinsleben hingegen steht für Stabilität eines Dorfes. Entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung eines Ortes haben die Nähe von Arbeitsplätzen und die Altersstruktur der Einwohnerschaft.
Die Vorstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse sei nicht erfüllbar. "Das für die Anpassung der Infrastruktur notwendige Füllhorn wird es nicht geben. Diese Mittel dafür sind nicht da". Für die Politik leitet Benner daraus Empfehlungen ab: Die Standards für die technische Infrastruktur, zu der beispielsweise Wasser- und Abwasser zählen, "der Realität anpassen", zukunftsträchtige Strukturen stärken und dem Erscheinungsbild von Niedergang und Verfall entgegenwirken.
Moderiert von Dr. Norbert Mager, Referatsleiter im Hessischen Wirtschaftsministerium, gingen in der Folge vier Referenten auf die Folgen von Demografie und die Ergebnisse der Studie ein. Günter Sedlak, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Oberhessen, unterstrich, untermauert von umfangreichem Datenmaterial, die Bedeutung der regionalen Wirtschaftskraft und damit die Konsequenzen des demografischen Wandels für sein Institut. Die Bevölkerungsentwicklung, die Altersstruktur, Arbeitsplätze und Auftragslage seien für Sparkasse und ihre Geschäftsentwicklung von ausschlaggebender Bedeutung.
Lautertals Bürgermeister Heiko Stock, der für Modellrechnungen des Berlin-Instituts die Daten seiner Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte, zeigte am Beispiel von Eichelhain, einem der sieben Ortsteile, die Auswirkungen des demografischen Wandels auf. Die Schrumpfungsdynamik, so seine Feststellung, "konzentriert sich vor allem auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter". Stock legte Wert darauf, dass die kommunen im ländlichen Raum "nicht nur rufen wollen, wir wollen selbst aktiv werden, weil wir die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen wollen". Deshalb sei es "Zeit, nicht nur zu reden, sondern zu handeln". Seine Schottener Kollegin Susanne Schaab stellte das vom Land eingerichtete "Kompetenznetzwerk Vitale Orte 2020" vor und machte vor allem auf umfangreiches Datenmaterial aufmerksam, das dort über die demografische Entwicklung zusammengetragen wurde und abgerufen werden kann. Damit liege "ein wirksames Instrument für Entscheidungs- und Wissenssautausch vor". Intensiv setzte sich Dr. Maren Heincke, Referentin für den Ländlichen Raum der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, mit den Handlungsvorschlägen auseinander, die die Studie des Berlin-Instituts abrunden. Ihre Anmerkungen hinterließen, wie an den Reaktionen des Publikums spürbar wurde, einen nachhaltigen Eindruck. Den Vorschlag der Studie, regionale Ungleichheiten zu akzeptieren, kann sie durchaus nachvollziehen, erinnert aber daran, dass das Grundgesetz damit die Solidargemeinschaft betont. Einem Finanzausgleich zwischen Stadt und Land stimmt sie durch aus, lehnt aber eine Förderung nach dem Gießkannenprinzip ab und fordert Effizienzkriterien. Beim Kommunalen Finanzausgleich die Fläche der Kommunen und nicht nur die Einwohnerzahl zu berücksichtigen, ist ihren Augen eine zutreffende Forderung. Die Forderung, für den ländlichen Raum gesetzliche Vorgaben und Standards anzupassen, bedeutet für sie, "nicht vereinfachen, sondern dem Bedarf anpassen".Bei einer Reihe von Vorschlägen der Studie, beispielsweise die Entscheidungen über das Zukunftspotenzial der Dörfer den lokalen Akteuren zu überlassen, Regionen Handlungsautonomie zu gewähren, Wegzüge aus den Dörfern zu unterstützen, steht für Maren Heincke "ein Knackpunkt" zur Diskussion: "Das Verhältnis zwischen Selbstbestimmung, Solidargemeinschaft und der Macht des Faktischen". Maren Heincke machte deutlich, dass die Diskussion über die Zukunft der Dörfer am Ede auch die Frage berührt: "Was ist uns der Sozialstaat noch wert?"
17.01.2012
